HobbyAlfred hebt ab!

Die Drachenflieger in Deutschland sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Von den insgesamt etwa 5.000 Flugbegeisterten starten ungefähr 800 bei Wettbewerben. Fünf davon sind in der Nationalmannschaft. Einer davon ist unser Kollege Alfred Mayer.

Wer Alfred Mayer sucht, der findet ihn meist ganz weit oben. Gerne mal 2.000 Meter über der Erde. Sein Flug­gerät: ein Drachen, oder genauer: ein Hänge­gleiter. Die selbst­tra­gende Konstruk­tion besteht aus Kohle­fa­sern und bringt es mit ihren starren Trag­flä­chen auf eine Spann­weite von fast 14 Meter. Unten dran hängt – oder viel­mehr liegt – Alfred Mayer in seinem Gurt­zeug, der aero­dy­na­mi­schen Ganz­kör­per­ver­klei­dung Kokon.

Hoch hinauf

Seit 1985 verbringt er seine Frei­zeit von Früh­ling bis Herbst am liebsten in der Luft. Damals schwappt das „Hang­gli­ding“ als brand­neuer und bezahl­barer Sport nach Deutsch­land. Alfred Mayer nutzt die Chance. Er tauschte seine Modell­flieger gegen einen Drachen und absol­viert gemeinsam mit seinem Vater die Flug­aus­bil­dung. Nach drei Scheinen, mit schrift­li­chen und prak­ti­schen Prüfungen ist er frisch­ge­ba­ckener Drachen­flieger. Nun hält ihn nichts mehr am Boden.

Seitdem fliegt Alfred Mayer in jeder freien Minute. Sobald das Wetter mitmacht, zieht es ihn hinaus oder besser: hinauf. Im Flug kommt er schon mal 160 bis 200 Kilo­meter weit. Um diese Stre­cken zu fliegen nutzen Drachen­flieger allein die Thermik. Sie kreisen in den Aufwinden bis sie die Wolken­basis, also die Wolken­un­ter­grenze erreicht haben und gleiten diese Höhe dann wieder ab auf der Suche nach der nächsten Thermik in Rich­tung der geplanten Strecke. Und nach so mancher Landung weiß Alfred Mayer zunächst nicht, wo er über­haupt ist. „Zum Glück gibt’s Google Maps und Vereins­kol­legen oder Fami­li­en­mit­glieder, die in solchen Fällen den Fahr­dienst über­nehmen und mich und meinen Drachen wieder abholen“, sagt Alfred Mayer und lacht.

1985 bricht Alfred Mayer zu seinem ersten Stre­cken­flug auf.
Alfred’s Flug­gerät: der ATOS VRQ hightec.
Start­vor­be­rei­tung in konzen­trierter Vorfreude!
Goal erreicht! Ausschweben wie ein Vogel.
Aus der Vogel­per­spek­tive sieht alles noch viel schöner aus.

Kopf an!

Wer fliegt braucht Zeit: „Das ist schon ein sehr zeit­in­ten­sives Hobby“, erklärt er. „Für einen Flug sollte man mindes­tens einen halben bis einen ganzen Tag einplanen.“ Auch körper­liche Grund­fit­ness und Kondi­tion sind wichtig. Die trai­niert der 62-Jährige beim Laufen, Radfahren und im Fitness­studio. Die meiste Kraft benö­tigen Drachen­flieger für das Starten und Landen sowie beim Tragen des 42 Kilo­gramm schweren Geräts.

Die Höhen­un­ter­schiede in der Luft verlangen dem Körper eben­falls einiges ab. „Und der Kopf fliegt mit!“, betont Mayer. Schließ­lich müssen während eines Flugs viele Entschei­dungen getroffen werden – mal bewusst, mal intuitiv. „Beim Fliegen sollte man daher den Kopf immer frei­haben, alle Sinne werden gebraucht“, betont Mayer. Denn es gibt da immer die große Unbe­kannte: das Wetter. Wer drachen­fliegt, braucht darum umfang­rei­ches meteo­ro­lo­gi­sches Wissen.

Zum Fliegen muss man frei sein im Kopf.

Alfred Mayer, UEDL, Service Desk Manager, Uhlmann Pac Systeme

Alfred Mayer ist über­zeugt: Der Aufwand lohnt sich. Einmal in der Luft belohnen ihn die beein­dru­ckendsten Ausblicke und manchmal auch ganz beson­dere Begeg­nungen: „Auf einem Flug beglei­tete mich eine ganze Adler­fa­milie, die hat die gleiche Thermik genutzt!“, sagt er und lacht.

Mitt­ler­weile hebt der begeis­terte Drachen­flieger nicht mehr nur hobby­mäßig ab. Seit 2013 nimmt er für seinen Verein, den TSV Seissen, an Wett­be­werben teil. Mitt­ler­weile startet er auch für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft – bei drei Welt­meis­ter­schaften war er bereits dabei. Die letzte fand 2025 im spani­schen Àger statt. Und Alfred Mayer landete mit seinen Team­kol­legen ziel­si­cher auf dem zweiten Platz.

Die High­lights der Welt­meis­ter­schaft 2025:

Vorbe­rei­tungen

Bei der Welt­meis­ter­schaft der Hang­glider im spani­schen Àger baut Alfred Mayer seinen Drachen für den inter­na­tio­nalen Wett­be­werb auf. Für die Natio­nal­mann­schaft quali­fi­zierte er sich durch die Teil­nahme an vier Wett­be­werben pro Jahr.

Inter­na­tio­nale Top-Flieger

149 Pilo­tinnen und Piloten aus 32 Nationen geben dort an neun Wett­be­werbs- und sechs Flug­tagen ihr Bestes. Sie starten in den beiden Kate­go­rien flexible und starre Drachen. Die flexi­blen Hänge­gleiter werden rein über Gleich­ge­wicht­ver­la­ge­rung gesteuert, während die Starr­flügel über eine halb­ae­ro­dy­na­mi­sche Steue­rung verfügen. Die neuesten Konstruk­tionen errei­chen Gleit­winkel von 1 zu 17, bedeutet aus 1.000 Metern Höhe segeln sie 17 Kilo­meter weit ohne Aufwind.

Das Brie­fing

Vor jedem Wett­be­werbstag erfahren die Teil­neh­menden beim Brie­fing ihren „Task“. Das ist eine über GPS-Punkte fest­ge­legte Flug­strecke, die Piloten während eines Wett­be­werbs absol­vieren müssen. Sie besteht aus einem Start­punkt (Start­gate), mehreren Wende­punkten (Turnpoints/Waypoints) und einem Ziel (Goal). Der große Reiz besteht nun darin, unter Berück­sich­ti­gung von Sonnen­ein­strah­lung, Thermik, Wind, Geografie und Taktik den schnellsten Weg durch diese Aufgabe zu finden.

Geschafft!

Glück­lich und zufrieden landet Alfred Mayer nach seinem Flug im Ziel – auf einem Stop­pel­feld bei Tremp. Die WM verlangte den Teil­neh­menden aufgrund des teils schwie­rigen Geländes ihr ganzes Können ab.

Ab auf’s Trepp­chen

Gemeinsam mit dem deut­schen Team der Starr­flügel holte Alfred Mayer am Ende Silber. Eine starke Leis­tung!

Hang­gli­ding – aus der Raum­fahrt für den Frei­zeit­sport


Die moderne Drachen­flie­gerei ist ein Import aus den USA und basiert auf der Erfin­dung von Francis Rogallo. Francis Rogallo war Inge­nieur bei der NASA und entwi­ckelte in den 1950er Jahren das Rogallo-Flügel­kon­zept. Einen flexi­blen, falt­baren Flügel, den die NASA ursprüng­lich für Raum­kapsel-Landungen und für expe­ri­men­telle Gleit­fall­schirme unter­suchte. Auch wenn die NASA das System letzt­lich nicht für Raum­fahr­zeuge nutzte, wurde Rogallos flexi­bler Flügel zum Grund­prinzip moderner Hänge­gleiter: Die heute übli­chen Flügel leiten ihre Form, Steu­er­bar­keit und Leicht­bau­weise direkt von seinem “flexible wing” ab. Kurz: Ohne Rogallos NASA-Forschung gäbe es die heutigen Hänge­gleiter in ihrer bekannten Form nicht.

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